Wurmkompost – was ist das?

(Wurmkompost-Serie Teil I)

Judith Henning berichtet uns in dieser Artikel-Serie über ihre Erfahrungen mit Kompostwürmern, Wurmkompost und Wurmkisten. Im heutigen Artikel geht es um die Grundlagen: Warum kompostieren, wie funktioniert der Wurmkompost und wer kriecht und krabbelt darin herum.


Ein ausgewachsener Kompostwurm der Art Eisenia foetida

Einen Komposthaufen im Garten kennt wahrscheinlich jede/r, darin sind auf und im Boden lebende Kleintiere als natürliche "Müllabfuhr" und "Recyc­ling­anlage" tätig. Verwelkte Blätter, Küchenabfälle - alle organischen Überreste - werden wieder in ihre Bestandteile zerlegt und dienen neu wachsenden Pflanzen als Dünger.

Genau diesen Kreislauf der lebendigen Materie kann man sich auch auch in der Stadt zunutze machen. Hier packt man die Protagonisten und das Material aus pragmatischen Gründen in eine Kiste, die man auf dem Balkon, dem Dachboden, im Keller oder sogar in der Wohnung aufstellen kann. Da die Würmer die größten und prominentesten Kompostlebewesen sind, nennt man diese Kisten auch Wurmkiste.

Warum sollte ich in der Stadt kompostieren?

Erstens kannst du selbst direkt profitieren: Wer gerne auf seinem Balkon Gemüse anbauen möchte, kann so aus Küchen- und anderen Grünabfällen fruchtbare Erde und einen vollwertigen Dünger herstellen. Regenwurmkot ist eine Art "Superhumus", der mit jedem Volldünger mithalten kann. Er enthält im Vergleich zu Gartenerde 5 bis 7 mal so viel Stickstoff, 7 mal so viel Phosphor, 3 bis 11 x so viel Kali, 2 bis 4 mal so viel Kalk, 2 bis 6 mal so viel Magnesium.

Außerdem muss man weniger Müll wegwerfen, und sparst, wenn du selbst für die Müllgebühren zahlen musst gleich zweimal: Einmal für den Dünger, den du nicht zu kaufen brauchst, und einmal für eine kleinere Mülltonne. Und vor unangenehmen Gerüchen muss man keine Angst haben, eine gut gepflegte Kompostkiste riecht wie Waldboden, und wenn man sofort in die Kiste entsorgt und die Reste mit Erde abdeckt, hat man im Sommer sogar deutlich weniger Probleme mit stinkenden, fliegenumkreisten Mülleimern als ohne Wurmkiste.

Nebenbei ist es auch für den Rest der Welt ist gut, weil

  1. es Müll vermeidet: Etwa 30 Prozent unseres Restmülls sind organische Abfälle. Je mehr wir davon direkt zu Hause kompostieren, desto weniger muss in Müllautos zu Deponien (oder - wo es das gibt - zu zentralen Kompostieranlagen) fahren. Jeder Transport bedeutet Energieaufwand, große zentrale Anlagen zur Müllverwertung ebenso.
  2. Energie und Ressourcen sparen hilft: Wenn ich keine Blumenerde kaufe und keinen Dünger, müssen diese auch nicht produziert, in Plastik verpackt und mit Kraftfahrzeugen herbeigeschafft werden.
  3. das Klima schützt: Blumenerde besteht meistens aus Torf. Das ist Moorboden, der sehr viel CO2 speichert. Daher ist es viel besser, wenn dieser Boden eben in den noch verbliebenen Mooren bleibt.
  4. Biotope entstehen: Wurmhumus ist lebendiger Boden. Viele Millionen Klein- und Kleinstlebewesen bevölkern ihn, die auch andere Mitesser wie Blattläuse in Schach halten; so braucht man keine giftigen Pestizide, sondern kommt mit Pflanzenjauchen oder Hausmitteln wie Schmierseife aus. So kann der eigene Garten zum Naturschutzgebiet werden.

Wie funktioniert das Kompostieren mit der Wurmkiste?

Welche Kiste genau die richtige ist, kannst du schnell und pragmatisch beantworten - oder es geradezu philosophisch angehen. In dieser Serie findest du Orientierung dazu im Artikel "Wie komme ich zu meiner perfekten Wurmkiste?". Hier geht es erst einmal weiter damit, welche Eigenschaften so eine Kiste haben sollte und wie das Innenleben aussieht.

Grundsätzlich wollen wir Würmern einen kleinen Komposthaufen als Lebensraum bieten, der wie ein Waldboden aufgebaut ist. Das bedeutet: Es sollte in der Kiste feucht und dunkel sein, nicht zu kalt und nicht zu warm (ideal sind 15-25°C).

Eine geeignete Kiste hat also die Aufgabe, dieses "Stück Natur" so von unserem Wohnraum abgrenzen, dass sowohl wir als auch die Kompostlebewesen damit glücklich werden. Und "wir" schließt - nicht vergessen - auch eventuell vorhandene, weniger kompostbegeisterte Mitbewohner*innen ein ... Das heißt: Die Kiste sollte nach innen ein geeignetes Klima schaffen und nach außen ästhetischen und hygienischen Ansprüchen genügen.

Um das zu erreichen, gibt es viele Möglichkeiten, die vom jeweiligen Standort und deinen Bedürfnissen abhängen, sodass es keine allgemeingültigen Regeln gibt. Für den Anfang empfehle ich, es einfach zu halten. Es reicht zum Beispiel eine Plastik-Lagerbox aus dem Baumarkt oder sogar ein stabiler Schuhkarton, den du mit einer Tüte ausschlägst. Mit der Zeit merkst du dann, wie dir das Kompostieren in der Wurmkiste gefällt, wie viel Platz du in der Kiste für deine Reste aus der Küche brauchst, welches Material du gut findest und was in deiner Umgebung am besten funktioniert.

Wer kriecht und krabbelt da drin herum?

Bevor du nun anfängst, eine Kiste aufzubauen und zu befüllen, willst du wahrscheinlich noch wissen, was genau darin dann so passiert und wen du dir ins Haus holst ... Also ist jetzt der rechte Moment für die Hauptpersonen des Kompost-Theaters, die Bühne, resp. die Kiste zu betreten. Das sind die Kompost- oder Mistwürmer, meist die Art Eisenia foetida. Sie sind rötlich mit gelblichen Furchen zwischen den Ringeln und werden ausgewachsen ca. 7 cm groß.

Am einfachsten ist es, eine gute Handvoll Würmer aus einer bestehenden Wurmkiste zu bekommen. Hör dich mal um, vielleicht hast du schon KompostiererInnen in deinem Bekanntenkreis. Oder du wendest dich an Permakultur- oder Urban-Gardening-Projekte in deiner Umgebung, da hat bestimmt jemand eine Kiste oder eine Idee, wie man an eine Startpopulation für eine Wurmkiste kommen kann. Würmer vom Komposthaufen einsammeln geht theoretisch auch, es ist aber etwas mühsam. Und du solltest genau wissen, was du tust, denn in freier Wildbahn gibt es hier 39 Arten von Regenwürmern, darunter auch welche, die gerne einen Meter tief und tiefer graben, und die würden in deiner Kiste verkümmern.

Man kann die Würmer bei darauf spezialisierten Wurmfarmen bestellen, dort bekommt man 500-1000 Stück auf einmal. Für diese Menge braucht man schon eine recht große Kiste (mind. 40x50x30). Wenn man sich die Würmer mit der Post schicken lässt, sollte man auf jeden Fall zuhause sein, wenn das Paket ankommt, es direkt auspacken und die - meist mit etwas Erde oder Stroh in einem Säckchen eng zusammengepackten - durchgeschüttelten Tierchen in die vorbereitete Kiste geben. In den ersten Tagen nach so einer Reise neigen die Würmer dazu, weg zu wollen, also die Kiste gut geschlossen halten. Meiner Erfahrung nach dauert es ca. eine Woche, bis sie sich "eingelebt" haben.

Neben den Würmern sind auch noch andere Kleintiere da, und das ist auch gut so. Denn diese anderen Destruenten sind ebenso wichtig für den Kompostprozess wie die Würmer. Und: sie wollen auch genau so wie diese in der Kiste bleiben. Damit du dich nicht wunderst, was noch alles so in der Kiste herumkrabbelt, stelle ich hier die Wichtigsten vor:

  • Enchyträen (das sind bis zu 1 cm lange, dünne weiße Würmer, es sind keine Maden oder Fliegenlarven, sondern es handelt sich um Ringelwürmer, sie gehören zu derselben Familie wie die "großen" Kompostwürmer)
  • Asseln
  • Hundert- und Tausendfüßer
  • Milben
  • Springschwänze: gerade noch sichtbare weißliche Tierchen

Und dann gibt es noch viele mit bloßem Auge unsichtbare: Einzeller, Bakterien und Pilze. Sie alle haben wichtige Funktionen, Bakterien und Pilze besiedeln die Grünabfälle und weichen sie auf, sie werden dann von Milben, Springschwänzen oder auch den Würmern gefressen und wieder andere, wie die Hundertfüßer leben als Räuber und helfen so, die Population in der Kiste in einem Gleichgewicht zu halten.

Im nächsten Artikel geht es um das Füttern und Pflegen der Kompostwürmer.

Bereits erschienen in: Kompostieren mit der Wurmkiste - Praktischer Ratgeber zum Kompostieren in der Stadt von Judith Henning.

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