Humus Festival 2017

Permakultur, Food-Sharing und Wildnispädagogik. Anfang Juni 2018 entsteht in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern ein kleines Festival, das Permakultur, Food-Sharing und Wildnispädagogik vernetzt. Das Besondere am Humus Festival: das Festivalgelände soll nicht nur genutzt, sondern von den Teilnehmern verbessert werden.


Um das aus dem Weg zu räumen. Ich war vor dem Festival etwas skeptisch ob das was alles versprochen worden war auch so eintreten würde. Es gab zwar ein schickes dickes Booklet aber irgendwie überzeugte das mich nicht ganz. Da ich selbst in der Vergangenheit Festival(s) organisiert habe in wesentlich größeren Masstab und bei vielen anderen tiefe Einblicke in die Orga hatte konnte ich auch absolut nicht glauben das man das auch so hinbekommen kann wie beschrieben.

Ich kam einen Tag früher an – leicht gestresst weil der gute Bus mal wieder einen geplatzen Wasserschlauch hatte und das Kind einfach so gar nicht gerne Auto fährt wenn es wach ist (und das war es dann auch nach dem reparieren des Autos). Es waren vielleicht gerade mal 15 Menschen vor Ort. Auch der im Hintergrund schnurrende Generator war nicht so richtig das was ich hören wollte. Das Grass auf dem Gelände war nich wirklich kurz geschnitten und es fehlte ganz offensichtlich an Infrastruktur. Ich parkte nicht da wo ich sollte aber an einem schönem Platz und versuchte erstmal kurz anzukommen und Luft zu holen. Am Infobauwagen begrüsste mensch uns dann auch irgendwann mal sehr lieb und wir zogen ein Zettelchen mit einem Bandennamen (der geheim bleiben sollte – dazu später mehr) und einer Himmelsrichtung. Uns wurde dann ein Infoblatt gegeben wo draufstand welche Himmelsrichtungen für welche Aufgaben zuständig waren. Ich fiel in den Osten (ha no shit) – Küchenabfälle auf den Komposthaufen bringen und Leute begrüssen – dass fand ich supi Das mit den Banden verstand ich nicht so richtig aber Feuerbande klang jetzt auch erstmal gut.

Die Laune verbesserte sich ein wenig als wir über das Gelände stiefelten auf der Suche nach was zu essen. Da unsere Fahrt ja wesentlich länger gedauert hatte waren wir (Mitfahrer, the kid und icke) auch dementsprechend hungrig. Die Foodsharing Szene war ja Teil des Festivals und es sollte Rundumversorgung geben – mit vor allem gefoodsharetem (und containertem) Essen.

Tja da in der Mitte des Geländes hoch oben auf einem Berg gab es warmes leckeres Abendbrot – viel und bunt und grossartig zubereitet – das sollte auch bis zum Ende des Festivals so bleiben. So setzten ich mich hin aß und schaute. Ok das Gelände war wesentlich größer als ich dachte und es war grossartig schön. Eine alte Kies & Lehmgrube. Überall Seen und Hügel und Nieschen und Wald und Natur. Laute Vögel, Frösche und und und. Es schienen auch die meisten Orte der Begegnung waren bereits aufgebaut – es gab den Healingspace der aussah wie ein kleine Hexenhütte, die Jurte für den (viel zu gross geplanten) Kidsspace, ein Zirkuszelt für die Permies, der Feuerplatz war super schön vorbereitet. Selbst das Floss für die Schwimmende Sauna war bereits fertig und die Puzzleteile um diese fertigzustellen lagen schon daneben. Nur den Wildnisskreis fand ich erstmal nich, aber das war jetzt auch nicht schlimm… Wildness sollte es noch genug geben.

Wenn es am ersten Tag eines Festivals regnet und zwar den ganzen Tag ist das irgendwie blöd aber es wurde relativ schnell irgendwie klar das das irgendwie gar kein Problem war für die meisten die da waren. Es gab genug zu tun als das mensch da irgendwie drauf geachtet hätte. Generell war das Wetter weit weniger Thema als bei anderen Festivals auch wenn es super durchwachsen war die gesamte Zeit über. Irgendwie ging es dann auch erst Montag statt Sonntag so richtig los was auch nicht weiter schlimm war. Nach und nach wurden alle Infrastrukturprobleme gut genug gelöst (z.B. die letzten Kompostklos fertig gebaut, ein Überdachung für den Essplatz herbeigeschafft und nach 4 Tagen dann auch mal die Duschen eröffnet etc.) Der Generator wurde ausgeschaltet und weggebracht dafür kam ein Solarpanel – damit die Küche Nachts Licht hatte und für den einen Akkubohrer der hin und wieder gebraucht wurde. Langsam trudelten auch immer mehr Menschen ein – wobei von einem Ansturm nich gesprochen werden kann – aber da es eine Obergrenze von 120 Leuten gegeben hatte bei der Anmeldung war das auch klar.

Menschen, Banden und Kommunikation
Das dieses Festival besonders sein sollte und so gar nicht in das Schema der vergangenen gefühlten 100 Festivals die ich besuchte passte wusste ich ja schon irgendwie vorher. Es waren genug junge Permies dabei die auch auf soziale Infrastruktur achten würden. Dann die ganzen Wildness Pädagogen mit ihren Spielchen und Schilden. Es versprach interessant zu werden. Leider und vielleicht auch zum Glück wurde ganz zu Anfang die Aufgabe der Banden nicht so richtig gut kommuniziert und nur ein Spiel unter den Banden (sowas wie Capture the Flag) ein wenig zu stark in den Mittelpunkt des Bandenseins gehoben. Trotzdem fand sich und traf sich unsere Feuerbande schon am ersten Tag und wir verbande(l)ten uns super gut. Sofort war zwischen uns acht, neun Menschen ein Verbundenheits und Vertrauensgefühl da welches sich zumindest über die ersten 4 Tage noch vertiefen sollte. Wir sprachen über unsere Gefühle und Wünsche und Hoffnungen und Probleme. Aber es wurde auch klar das niemand so richtig dieses Konkurenzspiel zwischen den Banden für gut hiess und wir beschlossen ein pazifistische Bande zu werden die das Spiel auch einfach nicht mitmacht. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir nicht die einzigen mit diesem Gefühl waren. Es gab eine grosse Runde mit allen und dann ein Gespräch innerhalb der Himmelsrichtungen wie mit diesem Gefühl umgegangen werden sollte. Das war ein Prozess der in dieser Grössenordnung einfach einzigartig war. 90-100 Menschen die wir wohl durchweg waren einigten sich darauf das Spiel sein zu lassen und verarbeiteten das Problem innerhalb der Gruppe. Das wiederum brachte die Gruppe als ganzes zusammen. Wenn das Festival als Utopie geplant war so hat es das nur alleine mit diesem Prozess schon erreicht. Wirklich eine einmalige Erfahrung die alle Theorien der sozialen Permakultur und Wildnisspädagokik aufs eindrucksvollste bestätigte.

Die Verbundenheit aller ging aber weiter – alle massierten alle, irgendwo gab es wohl immer eine Gruppe die Yoga machte, der Wildnis lauschte, sich über Permakultur austauschte, zusammen träumte wie das Festival das nächste Jahr besser zu machen wäre, experimentierte, sich gegenseitig heilte und und und und. Am Ende hatte wohl gefühlt jeder mit jedem irgendwie eine Verbindung auf irgendeiner Ebene geschaffen – die meisten dieser Verbindungen waren zumindest vor Ort tief und eindrücklich.

Ich habe in einer Woche noch nie mit so vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen, gekuschelt, diskutiert, gebadet, meditiert, sauniert, geschwiegen, spazieren gegangen und gelauscht wie hier – eine schöne Horizonterweiterung.

Festival (fast) ohne Strom und (fast) ohne Geld
Und ja, es gab neben all diesem auch das Gefühl auf einem Festival zu sein. Zwei Nächte mit Musik so ganz unplugged bei Gewitter im Zirkuszelt mit 10 Leuten die alle tanzten und am Lagerfeuer mit Vollmond mit 100 Leuten. Schokozeremonieen, psychadelische Erfahrungen, Gruppenkuscheln – alles da, alles toll (zumindest was ich mitmachen konnte – da ich mit Kind gereist war, war das leider nicht alles.

Selbst der Lagerfeuerplatz hatte ein Permakultur Design im Hintergrund. Vier Feuer in Form einer Raupe angeordnet – ein Feuer für jede mitorgansierende Crew. Scheint banal zu klingen, aber als das Wetter am letzten Tag mitspielte offenbarte sich die Grossartigkeit dieser Idee. Alle hatten ein Platz am Feuer, konnten der Band lauschen sich in eine Ecke zurückziehen – kein Mittelpunkt und extrem lebendig.
Dass das alles noch auf Spendenbasis gelang darf man irgendwie gar niemanden erzählen. Es war wohl das “billigste” Festivalerlebnis ever und ich habe wesentlich mehr in den Topf geworfen als empfohlen war. Dafür gab es dann jeden Tag zig Workshops die einzeln normalerweise schon das 3-5 fache der empfohlenen Eintrittsspende kosten und das Essen gabs dann auch noch oben drauf für umme drei Mahlzeiten und man konnte auch sonst immer mal zur Küche und hat dann was bekommen.

Krass auch die Transparenz mit den Geldern. Die Gruppe des Südens (also Gäste die zufällig diesen Zettel zogen mit Süden drauf) hatten die Aufgabe den Überblick über die Finanzen zu behalten und diese Transparent an eine Grosse Tafel zu schreiben und täglich zu updaten. Es gab am Ende ein Minus was für ein Festival dieser Größe recht lächerlich ist und ich denke ohne grosse Probleme über einen kleinen weitere Spendenrunde behoben werden sollte.

Kids
Auf Festivals alleine mit meinem sehr jungen Menschen zu reisen war im Vorfeld mit ein bisschen Panik verbunden. Das es einen riesigen Kidsspace geben sollte und noch ein paar Freunde mit ihren Kids kommen wollten war so mit mein einziger Enstspannungsgedanke. Nun. Es gab leider viel zu wenig Kids und der Kidsspace war total überproportioniert gross (eine riesige Jurte) und an einem ungünstigen Platz gelegen an dem mensch sehr selten vorbeikam. Das führte dazu das dieser so rein gar nicht in Schwung kam und nach drei Tagen dann richtigerweise der Healingspace dort einzug hielt. Auch meine Bezugspersonen sagte ab als ich bereits unterwegs war. Die ersten Tage waren auch für meinen kleinen Menschen eine echte Herausforderung und so trug ich die 15 Kilo über das riesige Gelände Hügel hinauf und hinab. Es offerierte so ziemlich jeder auch mal aufzupassen aber das fühlte sich einfach nicht gut an solange das Menschlein das nicht selbst irgendwie wollen würde.

Aber es kamen (und gingen) Kids in gleichem Alter und so langsam taute mein Kind auch auf. Die Eltern der ganz jungen Menschen machten dann auch noch eine Kidsrunde auf dem Campingplatz auf.

Ab Tag vier war das kleine Menschlein dann auch so richtig dabei und es war toll zu sehen wie sie mit ihrem Umfeld umging. Das Festival fühlte sich zu diesem Zeitpunkt bereits so safe an das ich sämtliche Ängste ablegen konnte und so kümmerten sich viele Menschen super lieb um sie und ich konnte auch mal Workshops besuchen und kurz Luft holen.So hat die ganze Familie irgendwie auf die kleinen geachtet und meine hat dann auch gleich mal ihren Aktionsradius deutlich vergrößertert (und das auch mit nach Hause genommen. Würd ich sofort wieder machen, stände ich vor der Wahl.

Ich denke mehr Kids hätten dem Festival gut getan aber ich kann mir vorstellen das beim nächsten mal besser wird. Vielleicht bekommt man dann auch einen Kidsspace zum laufen.

Lebendiger Prozess
War alles gut? Nein sicher nicht alles. Ich würd an einigen Stellen ein bisschen mehr Verantwortung einzelner sehen (z.B. beim Gewitter den Küchenspace auf dem Hügel zu zu machen wäre so ein Punkt – ähem) und es sollte noch ein Modus gefunden werden wie man mit problematischen Personen umgeht – davon gab es leider eine und es entstand eine etwas hilflose Situation die meines Erachtens in der grossen Gruppe auch gelöst hätte werden können. Es gab auch eine einzige Zelteinheit auf dem Campingplatz die dachte sie wäre in Glastenbury und könnte einfach ihren Müll liegen lassen (immerhin in Tüten vielleicht auch nur im Stress vergessen ). Zum Abbau verliessen leider fast alle fluchtartig das Gelände sodass die Hauptarbeit echt an nur einer Handvoll Leut hängen blieb. Die meisten mussten halt Montag arbeiten insofern verständlich.

Für all das gibt es Lösungen und nichts davon hat das Erlebnis wirklich langanhaltend getrübt. Dafür war das Gelände fast komplett frei von Kippen, zerbrochenen Glas (ich denke 95% der Besucher sind – zumindest tagsüber – Barfuss gelaufen) und Plastemüll und war insgesamt sauberer danach als davor. Trotz dem kleinen Fail mit den Banden haben die Menschen zueinander gefunden auch wenn das Potential der Banden leider nicht ganz ausgeschöpft wurde. Im Grossen und Ganzen ist das beschriebene Konzept aufgegangen und hat darüber hinaus überrascht.

Das es schon im nächsten Jahr in einem anderen Bundesland ein zweites Humusfestival geben wird damit das Wachstum gebremst wird find ich eine super Sache. grundsätzlich hätte das Gelände wahrscheinlich Potential für die 10 fache Teilnehmerzahl aber das auf 150 Leute permanent zu begrenzen und eher weitere Humus Festivals überall zu eröffnen finde ich eine wesentlich bessere Strategie (langsame kleine lokale Lösungen). Definitiv stärkt das die Qualität der menschlichen Beziehungen zueinander die ein quantitativ weitaus größeres Festival absolut niemals erreichen kann.

Danke <3
in keiner besonderen Reihenfolge:

Shan für die tolle Energie und das Lachen das du und dein kleiner in die Runde brachte. Martin, Ela und die Kitchen Crew für das tolle Essen. Marie dafür das du nicht aufgegeben hast die Kidsbetreuung zu beleben und das liebe Kümmern. Sarah für das lächeln in meinem Herzen. Hendrik dafür das trotz unser verschiedenen Herangehensweisen an Permaklultur du trotzdem das Gespräch aufrecht erhalten hast. Lili für den grossartigen Wunschtraumspaziergang und den Myceliagedankenaustausch. Lara für die vielen Pflaster fürs Kind und den Energiering der da von dir ausging. Lauritz – rock on tolles Ding hast du da geschaukelt. Louis für die grossartige Sauna. Matthias+ Ollie für den tollen Permiespace. Martin für den Panorama Platz während des Hagelgewitters und dein tolles Kind! Elizabeth dafür das Du für mich und Kid als Bezugsperson hergehalten hast und alle alle anderen dafür das ihr da wart und das Festival grossartig gemacht habt. DANKE!

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