Anastasia und Familienlandsitzbewegung

Wie stehen Permakultur Institut und Akademie dazu?

                                                          

Eine Stellungnahme des PKI e.V.
Verfasst von Judit Bartel, Joel Campe, Birte Friebel und Clara Hencke


Das bekannteste Bild der Permakultur-Bewegung: die Regenbogenschlange symbolisiert das Ei des Lebens. (Künstler: Andrew Jeeves)

Warum wir uns mit Anastasia beschäftigen

Immer wieder nehmen Menschen, die sich von den Anastasia-Büchern von Wladimir Megre angesprochen fühlen und / oder die den Wunsch haben, einen eigenen Familienlandsitz zu gründen, an Kursen der Permakultur Akademie (PKA) teil. Unser Anliegen ist es, diese Menschen in ihrer Suche und ihrem Engagement für andere - zukunftsfähigere - Lebensweisen ernst zu nehmen. Gleichzeitig möchten wir deutlich machen, an welchen Punkten die Grundannahmen und Haltungen, die sich in den Anastasiabüchern und der daraus entstandenen Bewegung finden, nicht mit Permakultur in Übereinstimmung gebracht werden können.

Die Zeitschrift Oya, mit der das Permakultur Institut e.V (PKI) seit der ersten Ausgabe eng verbunden ist (ein Vereinsmitglied leitet die Permakultur Redaktion in der Oya), hat sich in ihrer 45. Ausgabe mit dem Phänomen Anastasia beschäftigt und einige Kritikpunkte klar und differenziert formuliert. Der Artikel ist hier vollständig nachzulesen. Wir möchten im Folgenden die Haltung des PKI zu zentralen Kritikpunkten darstellen.

Vielschichtigkeit wertschätzen

Sowohl die Anastasiabewegung als auch die Permakulturbewegung scheint Menschen anzusprechen, die Verantwortung für die Zukunft der Erde übernehmen möchten und jetzt damit beginnen wollen, anders zu handeln.

Permakultur als Gestaltungsansatz vermittelt Methoden und Wissen, um selbst passende Lösungen für die spezifischen sozialen und räumlichen Gegebenheiten zu finden, in denen wir leben. Damit schickt Permakultur Menschen in die tiefe Auseinandersetzung mit sich und ihrem Lebensumfeld, gibt ihnen dafür Werkzeuge an die Hand und ermutigt dazu, dort eigene Schritte in eine zukunftsfähige Richtung zu finden. Wir halten es für problematisch, dass in den Anastasiabüchern der Anschein erweckt wird, es gebe mit dem Familienlandsitz die eine richtige Lebens- und Siedlungsweise, die lediglich verwirklicht werden müsse und alle Probleme seien gelöst. Wir gehen davon aus, dass wir vielfältige Wege brauchen, um mit den globalen Krisen umzugehen und halten es für zentral, die Vielfalt der gefundenen Wege zu würdigen. Das weite Feld des "Transformationsdesigns" möchte die Umgestaltung unserer Gesellschaften und Kulturen hin zu enkeltauglichen Lebensweisen begleiten und befördern. Darin verstehen wir Permakultur als einen möglichen Ansatz, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Aus verschiedenen Perspektiven beobachten

Die Anastasia-Geschichte operiert an vielen Stellen auf Grundlage eines Gegensatzes zwischen Gut und Böse und nutzt vereinfachende Bilder. Die Ursache für die Probleme dieser Welt wird in den bösen Mächten der "technokratischen Zivilisation" gesehen, von deren Verschmutzung man sich reinigen müsse. Lara Mallien weist im Oya-Artikel zu Recht darauf hin, dass dieses Denken leicht zum Nährboden für die Entstehung von Feindbildern werden kann, selbst wenn es nur in einer Geschichte spielt.

Die Verknüpfung der Landsitzidee mit Bezügen zu einer "alten wedischen Kultur" und die Art der Thematisierung jüdischer Menschen tragen dazu bei, dass sich unter den Anastasia-Begeisterten auch Personen wiederfinden, die gegenüber völkischem Denken offen sind, die "Kultur" mit "Nation" gleichsetzen oder antisemitische Positionen vertreten. Hierzu schreibt Lara Mallien in der Oya 45: "Die Anastasia-Bücher rufen nicht zu Volksverhetzung auf, aber sie zeichnen ein Bild des »Bösen«, und so ist es kein Wunder, dass sich Menschen, die an eine jüdische Weltverschwörung und ähnliches glauben, sich von den Büchern bestätigt fühlen."

Unserer Ansicht nach braucht es keine Feindbilder und keine völkischen Ideen, um für zukunftsfähigen Wandel aktiv zu werden. Und deshalb wenden wir uns entschieden gegen rassistische, sexistische, antisemitische und anderweitig diskriminierende Haltungen, wie sie vor allem in Band 6 zu finden sind. Sie sind mit der Ethik der Permakultur nicht vereinbar: der Grundsatz „Trage Sorge für die Menschen“ fordert uns dazu auf, die Vielfalt der Kulturen und Lebensweisen auf unserem Planeten wertzuschätzen, Weltoffenheit und den Austausch zu pflegen. Und das alles auf der unverrückbaren Basis der Achtung der allgemeinen Menschenrechte. Mehr dazu in unserem Wertestatement.

Wir halten daher eine kritische Auseinandersetzung der Familienlandsitzbewegung mit den diskriminierenden Aspekten in der Anastasia Literatur für notwendig. Denn es genügt nicht, aus allem, was in Wort und Bild in die Welt gesetzt wird, das Positive herauszupicken. Aufforderungen zum kritischen Denken sind auch in den Anastasia-Büchern zu finden. Angesichts der gleichzeitig mitgelieferten fertigen Antworten wirken diese Aufforderungen jedoch eher manipulativ. Mit den Methoden der Permakultur unterstützen wir differenziertere Betrachtungsweisen der globalen Probleme und versuchen so, deren Komplexität und Verflochtenheit gerecht zu werden. Permakultur setzt darauf, Menschen zu ermächtigen, ihre jeweiligen Gegebenheiten (die weltweit sehr unterschiedlich sind) genau zu beobachten und selbst passende Lösungen für ihren Ort und ihre Rahmenbedingungen zu finden.

Wir denken, dass wir alle einen wachen und kritischen Geist brauchen, um zu erkennen, welche der Ideen, die tagtäglich verbreitet werden, wirklich den Menschen und der Erde dienen. Achten sie die Rechte, Freiheit und Würde aller Menschen und Lebewesen, oder bieten sie vereinfachende Lösungen an, die der Vielfalt und Verbundenheit und damit den gegenseitigen Abhängigkeiten auf diesem Planeten nicht gerecht werden? Diese Frage können wir uns sowohl in Bezug auf das Anastasia-Patentrezept "Ein Hektar" stellen, als auch in Bezug auf das Bild, das von Partnerschaft und Familie gezeichnet wird. Wie steht die Anastasia-Bewegung zu anderen Formen der Fürsorge für Flächen, des Zusammenlebens oder der Beziehungen? An welchen Stellen operiert die Anastasia-Geschichte mit abwertenden und düsteren Hintergrundbildern, um die eigene Idee noch leuchtender erscheinen zu lassen?

Uns prägen ebenso wie die meisten Menschen die Gewohnheiten der globalisierten Kultur des Konsumismus und der weltweit zunehmenden Tendenzen zu Vereinzelung und Entsolidarisierung. Wenn wir dem etwas entgegensetzen wollen, dann brauchen wir bewussten und kreativen Widerstand, aber kein Feindbild.

Gemeinsam neue Wege entwickeln

Wir teilen den Wunsch nach einer Welt, die von Naturverbundenheit und zukunftsfähigen Lebensweisen geprägt ist. Auch den Wunsch, Verantwortung für ein konkretes Stück Land zu übernehmen, teilen viele Akteur*innen im Permakultur Netzwerk mit Menschen in der Anastasia-Bewegung.

Welche Haltungen und Aussagen in den Büchern von Wladimir Megre sind mit der Permakultur Ethik vereinbar und welche nicht? Wir wünschen uns, dass sich Menschen, die sich von den Anastasia-Büchern inspiriert fühlen und an Permakultur interessiert sind, mit dieser Frage auseinandersetzen. Wir laden dazu ein, die Selbstermächtigung und Kreativität zu entdecken, die im Gestaltungsansatz Permakultur steckt, indem er uns auffordert, ganzheitlich zu beobachten und dann kontextangepasste Lösungen für Orte und Lebensweisen zu finden. Und wir laden auch dazu ein, mit uns in Dialog zu treten (Kontakt z.B. hier) und dadurch herauszufinden, ob Permakultur als Ansatz und das PKI als Verein für das eigene Wirken eine interessante Bereicherung sein können.

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