Was Permakulturgestaltende aus dem 1,5°C Sonderbericht lernen können

Der im Oktober 2018 erschienene Sonderbericht zum 1,5°C-Ziel des International Panel on Climate Change (IPCC) hat neue Erkenntnisse in die Debatte zum Klimawandel eingebracht. Manche stellen das bisherige Verständnis des Klimasystems in Frage – mit drastischen Konsequenzen. Einige der Aussagen des Berichts sollten uns Permakulturgestaltende aufhorchen lassen, denn um weltweit Resilienz zu entwickeln bleibt uns nicht mehr viel Zeit.


von René Franz

Der Permafrostboden in Nordkanada taut. Und zwar mit zunehmender, unerwarteter Geschwindigkeit. Eine im Juni 2019 erschienene Studie1 einer Forschungsgruppe um die britische Geologin Louise Farquharson belegt, dass der Boden im Gebiet Mould Bay innerhalb von 13 Jahren um 90 Zentimeter abgesackt ist. Ein so starkes Abtauen des Permafrostbodens hätten die Forschenden erst für das Jahr 2090 mit einer simulierten Erderwärmung von 4,5°C erwartet. Derzeit hat sich die Erde aber erst um 1°C erwärmt. Wie konnte es also dazu kommen? Um die Frage zu beantworten, ist es hilfreich sich die Ergebnisse des 1,5°C Sonderberichts genauer anzusehen.

Dieses Papier entstand in Folge des Pariser Klimaschutzabkommens. In dem wurde vereinbart die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen2. Da die Inselstaaten am stärksten von steigenden Meeresspiegeln betroffen sind, drängten sie in Paris deutlich darauf, das 1,5°C-Ziel stärker in den Blickpunkt zu rücken3. Sie legten damit die Grundlage für eine intensivere Untersuchung, deren Ergebnisse im Sonderbericht stehen. Wie sich herausstellte werden die Folgen einer Erwärmung über 1,5°C nicht nur für Inselstaaten extrem.

Was beinhaltet der 1,5°C-Sonderbericht?

Der Sonderbericht des IPCC bewertet die größten Risikofaktoren für das Klimasystem und deren Auswirkungen auf die Menschheit. Diese Bewertung wird anhand von „Besorgnisgründen“ (RFC – Reasons for Concern) für die verschiedenen Temperaturniveaus vorgenommen. Dazu zählen folgende Besorgnisgründe:

  • (1) einzigartige und bedrohte Systeme
  • (2) Extremwetter-Ereignisse
  • (3) Die Verteilung der Auswirkungen
  • (4) Global gehäufte Auswirkungen
  • (5) großflächige und singuläre Ereignisse

Ab einer Temperaturerhöhung über 1°C können in allen Bereichen Veränderungen auf den Klimawandel mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückgeführt werden. Ein hohes Risiko von gravierenden Ausmaßen kann ab einer Erhöhung um 1,5°C in den Bereichen (1) einzigartige und bedrohte Systeme sowie (2) Extremwetter-Ereignisse erwartet werden. Dabei steigt das Risiko bei den (1) einzigartigen und bedrohten Systemen bereits bei einer Temperaturerhöhung zwischen 1,5°C und 2,0°C sehr hoch an. Dadurch ist dieser Besorgnisgrund am stärksten von irreversiblen, klimabedingten Risiken betroffen.

Im Bericht wird deutlich, dass höhere durchschnittliche Erdtemperaturen das Risiko für alle Besorgnisgründe verstärken. Es geht aber nicht nur um die Stärke der Auswirkungen, sondern wie bei Besorgnisgrund 3 und 4 auch um die Verteilung. Je höher die globale Erdtemperatur steigt, desto stärker wirken sich einzelne Veränderungen im Klimasystem auf das globale Klimasystem aus und treffen somit auch immer stärker die industrialisierten Länder4. Wie aber wirken sich die globalen Temperaturveränderungen auf die Landwirtschaft und andere Ökosysteme genau aus?

Auswirkungen auf von Menschen genutzte Systeme

Anschließend geht der Sonderbericht auf eine detailliertere Ebene des Klimasystems ein. Er bewertet die Auswirkungen auf Einzelsysteme, die Menschen direkt betreffen. Das Umweltbundesamt hat auf Grundlage dieser Grafik bereits folgende Auswirkungen zusammengefasst:

 

  • Korallenriffe: Totalverlust der Korallenriffe bei +2,0°C Erderwärmung und 70 bis 90 Prozent Verlust bei +1,5°C Erderwärmung.
     
  • Fischerei: Geringere Abnahme der weltweiten Fischfangmenge bei +1,5°C Erderwärmung (im Vergleich zu +2,0°C), sowie eine mögliche Minderung der Verluste bis zu 50 Prozent bei +1,5°C Erderwärmung.
     
  • Arktis: Erhöhtes Risiko für Permafrostböden und Grönland-Eisschild bei +2,0°C Erderwärmung.
     
  • Globaler Meeresspiegelanstieg: Etwa 0,1 Meter geringerer Anstieg der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 bei +1,5°C Erderwärmung im Vergleich zu +2,0°C Erderwärmung.
     
  • Ernährungssicherung: Stabilere Ernteerträge und geringeres Risiko für die Viehwirtschaft bei +1,5°C Erderwärmung.

10 weitere Auswirkungen von 1,5°C und 2,0°C-Erwärmung

Zusätzlich zu den Auswirkungen vom Umweltbundesamt habe ich noch weitere Auswirkungen recherchiert5.

 

Auswirkungen bei 1,5°C Erderwärmung:

  1. Meeresspiegelanstieg zwischen 0,26 und 0,77 Meter

  2. Wahrscheinlichkeit eines Hitzesommers in Europa wie im Jahr 2003 von 42%

  3. Versauerung der Ozeane und Anstieg der Ozeantemperatur

  4. Verringerung der jährlichen Fischfangmenge um 1,5 Millionen Tonnen

  5. Verschiebung von Klimazonen und damit Ernterückgänge in der Landwirtschaft sowie im Mittel häufigere Extremwetter-Ereignisse6

Um unter einer globalen Erwärmung von 1,5°C zu bleiben und die globale Resilienz aller Ökosysteme und des Klimasystems größtenteils zu erhalten bleiben uns nach unterschiedlichen Modellen noch ein paar Jahre. Bis 2025 muss der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2) weltweit stark gedrosselt werden, wenn die globale Erwärmung bis 2050 gebremst werden soll.

 

Auswirkungen bei 2,0°C Erderwärmung:

  1. Vollkommen eisfreie Arktisregion

  2. Wahrscheinlichkeit eines Hitzesommers in Europa wie im Jahr 2003 von 59% (!)

  3. Damit verbunden ein Meeresspiegelanstieg um 13 Meter, davon betroffen ist der Lebensraum von bis zu 10 Millionen Menschen

  4. Verringerung der jährlichen Fischfangmenge um 3 Millionen Tonnen

  5. Stärkere Auswirkungen auf landbasierte (Öko-)Systeme

Hinzu kommt, dass die Resilienz (Krisenstabilität) des globalen Klimasystems mit jeder Temperaturerhöhung abnimmt. Das zuvor beschriebene Absacken des Permafrostbodens in Nordkanada ist dafür ein gutes Beispiel. Die Forschenden führen die lokalen Auswirkungen auf eine Serie unverhältnismäßig heißer Sommer zurück.

Es gibt viele sehr komplexe Klimamodelle, die versuchen das Eintreten oder Ausbleiben von Kipp-Punkten7 im Klimasystem zu simulieren und vorherzusagen. Ein Kipp-Punkt bezeichnet dabei ein einzelnes Ereignis im Klimasystem, das das System in einen neuen Zustand kippen lässt. Ein Beispiel dafür ist das Schmelzen des arktischen Eises. Bleibt die Arktis im Sommer eisfrei, wird weniger Sonnenlicht durch die weiße Oberfläche reflektiert – die Erde erhitzt sich schneller.

Das Problem bei Modellen und Simulationen ist aber, dass das globale Klimasystem sehr komplex ist und viele der Prozesse, noch nicht wirklich verstanden werden. Eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 1,5°C könnte weitere, möglicherweise noch unbekannte Risiken vermeiden.

Bisher sieht es nicht so aus, als könnte das 2°C-Ziel, geschweige denn das 1,5°C-Ziel, erreicht werden. Nach dem was die Staaten dieser Erde bisher an Emissionsreduktion zugesagt haben, wird es eher auf eine Erwärmung zwischen 2,6 und 3,1°C in diesem Jahrhundert und eine weitere Temperaturerhöhung im nächsten Jahrhundert hinauslaufen8. Umso besser, dass das Permakultur Institut ein starkes Netzwerk für alternative Ansätze darstellt.

CO2 -Entnahme gegen Ernährungssicherheit?

Im Mai 2019 konnte ich an einem Webinar des Umweltbundesamtes9 um 1,5°C-Bericht des IPCC teilnehmen. Mittlerweile wird in allen Klimaschutzszenarien des IPCC das Einfangen und Speichern von Kohlenstoffdioxid einbezogen. Dabei favorisiert das Umweltbundesamt die CO2-Speicherung durch Aufforstung und lehnt Hochrisiko-Technologien, wie die Speicherung von flüssigem Kohlenstoffdioxid in unterirdischen Bergwerken ab. In dem Webinar wurde deutlich, dass das Umweltbundesamt verstanden hat, dass CO2-Speicherung und Ernährungssicherheit sich nicht ausschließen. Positiv zu bewerten ist auch, dass die großflächigen, technischen Maßnahmen, wie die Verkohlung von Holz zu Biokohle und deren anschließende Einlagerung, kritisch gesehen werden.

Diese fördert nämlich eine künstliche Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion und führt zu einer Rodung im industriellen Stil - vor allem in Entwicklungsländern. Die reichen Industrieländer könnten diese Länder einfach mit CO2-Ausgleichszertifikaten für die Rodung bezahlen. Dazu sollte es im besten Fall nicht kommen – eine solche Praktik widerspricht allen Aspekten der Permakultur Ethik.

Die Botschaft, die Permakulturgestaltende möglichst breit streuen sollten: regenerative Landwirtschaft kann eine Vielzahl der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals kurz SDGs10 erfüllen. Zusätzlich lässt eine regenerative Landwirtschaft erst gar keine künstliche Konkurrenz zwischen CO2-Speicherung und Nahrungsmittelsicherheit entstehen. Hoffnung macht, dass Agroforstsysteme in Entwicklungs- und Schwellenländern immer öfter angelegt werden, wie auf der Homepage des World Agroforestry Centers11 zu sehen ist.

Neben Agroforstsystemen ist auch die Speicherung von Kohlenstoffdioxid im Boden ein großes Thema in der Permakultur. Hierzu hat die „4 pour 1000“-Initiative aus Frankreich12 bereits viele wissenschaftliche Studien gesammelt. Als Ziel hat es sich die Initiative zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr 4 Promille Humus, in den ersten 30-40 Zentimetern der Bodenschicht auf allen landwirtschaftlichen Flächen, entstehen zulassen. Laut ihren Berechnungen könnten damit 4,3 Gigatonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr im Boden gebunden werden – so viel wie der Atmosphäre jedes Jahr hinzugefügt wird.13

Um Aufmerksamkeit auf diese Themen zu lenken, braucht es Leuchtturmprojekte in Deutschland und Europa. Wenn Permakulturprojekte den Menschen in der Landwirtschaft zeigen können, dass das Erzielen von Erträgen und CO2-Speicherung langfristig funktionieren, werden immer mehr Landwirtschaft Betreibende die derzeitige bodenzerstörende Bewirtschaftung hinterfragen. Das Permakultur Institut e. V. hat mit der Förderung von Praxisorten bereits einen Anfang gemacht. Leider sind bisher noch keine Betriebe mit einer Größenordnung von zehn oder mehr Hektar Landflächen darunter.

Es handelt sich hierbei um ein klassisches Henne-Ei-Problem. Viele Landwirtinnen und Landwirte trauen sich nicht, auf einen Permakultur-Anbau umzustellen, weil es kaum andere Höfe in entsprechenden Größenordnungen gibt, die erfolgreich wirtschaften. Irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Eine Schnittstelle zwischen der Permakultur und Menschen aus der Landwirtschaft im Bio- oder konventionellen Anbau könnte den Austausch befördern und Berührungsängste mit der Permakultur abbauen. Das Symposium aufbauende Landwirtschaft in Schloss Tempelhof ist dafür ein guter Anfang. Darüber hinaus könnten Permakultur-Designerinnen und Designer aber auch proaktiv auf die Bauernverbände zugehen oder in der Region Stammtische mit Menschen aus der Landwirtschaft gründen, um über die Probleme der konventionellen Landwirtschaft zu sprechen. Denn auch für viele Landwirtinnen und Landwirte ist die derzeitige Art Landwirtschaft zu betreiben nicht profitabel.

Fazit – Wie realistisch ist eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5°C?

Auch wenn ich hier viele Lösungsansätze gezeigt habe, mit denen eine Begrenzung möglich ist, muss ich gestehen, dass ich persönlich eine Begrenzung auf 1,5°C nicht mehr für realistisch halte. Die Gründe dafür habe ich in diesem Artikel schon angeschnitten: Zum einen sind die Zusagen der Staaten derzeit nicht ausreichend für eine angemessene Reduktion des CO2-Ausstoßes. Zum anderen warnen führende Klimaforscher wie Stefan Rahmstorf14 vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung immer wieder vor den Risiken der Kipp-Elemente im Klimasystem. Selbst wenn die CO2-Höchstmengen der Modelle eingehalten würden, könnten Kipp-Elemente im Klimasystem für eine wesentlich höhere Erwärmung sorgen – ein sich selbst verstärkender Mechanismus könnte in Gang gesetzt werden.

Die Aufgabe von Permakulturgestaltung kann und muss also auch die Anpassung an den Klimawandel sein. Resilienz ist ein Begriff, der mir seit meinem Permakultur Design Kurs, auch 72h-Kurs genannt, durch den Kopf geht. Je resilienter ein System ist, desto besser kann es mit spontanen Störungen umgehen, ohne einen dauerhaften Schaden zu erleiden. Die Resilienz beschreibt also die Krisenstabilität oder auch Widerstandsfähigkeit. Der Begriff scheint auch für die Anpassung an den Klimawandel immer relevanter zu werden. Nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die sozialen Organisationssysteme, die unsere Gesellschaft(en) zusammenhalten und funktional machen. Als Permakulturgestaltende und Aktive im Permakultur Institut sehe ich es deshalb als unsere Aufgabe an, vor den Risiken des Klimawandels zu warnen und resiliente (Öko-)Systeme in die Welt zu bringen – in der Hoffnung die schlimmsten Auswirkungen der globalen Erwärmung abfangen zu können. Genau wie im Sprichwort:

„Viele Hände, rasches Ende.“

Lasst uns die Ärmel hochkrempeln und die begeisternden Lösungen der Permakultur in die Welt tragen. Unsere Chancen können dadurch nur besser werden.


1 Louise Farquharson | agupubs.onlinelibrary.wiley.com "Climate Change Drives Widespread and RapidThermokarst Development in Very ColdPermafrost in the Canadian High Arctic"

2 Internationale Maßnahmen gegen den Klimawandel | ec.europa.eu "Pariser Übereinkommen"

3 n-tv.de "Inselstaaten wollen 1,5-Grad-Klima-Ziel"

4 Mit dem Begriff „industrialisierte Länder“ oder „Industriestaaten“ sind Länder gemeint, die einen Human Development Index von über 0,85 haben. Dabei möchten wir mit den Begriffen „Schwellen- und Entwicklungsländer“ keinesfalls ausdrücken, das hier eine Entwicklung zu einem „besseren Zustand im Land“ notwendig sei.

5 IPCC Special Report | ipcc.ch "Global Warming of 1.5 ºC"

6 Stefan Rahmstorf "Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?" | CC BY-SA 4.0, Emission paths for reaching the Paris Agreement.jpg

7 spiegel.de "Kippendes Klimasystem – Forscher warnen vor Entstehung einer Heißzeit"

8 "Die neue Heißzeit." in: Der Spiegel, 2. Februar 2019, S. 106.

9 umweltbundesamt.de "Neue Erkenntnisse aus dem IPCC-Sonderbericht 1,5 °C Globale Erwärmung"

10 Sustainable Development Goals kurz SDGs

11 ICRAF World Agroforestry

12 4 pour 1000-Initiative

13 4 pour 1000 | carbon sequestration in soils for food security and the climate

14 spektrum.de Klimalounge

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