Was mich Permakultur lehrt – nicht nur in Krisen

Viele praktische Beispiele aus dem Alltag, die während Krisen helfen – ein Erfahrungsbericht.


Das Beet in der Mitte mit vielen mehrjährigen und essbaren Stauden.

Das Beet in der Mitte mit vielen mehrjährigen und essbaren Stauden.

Das Beet in der Mitte – das einjährige Gemüse darum fängtan zu treiben.

Das Beet in der Mitte – das einjährige Gemüse darum fängtan zu treiben.

Gemeinsame Abende, bei denen der Jahresvorrat an Nüssen geknackt wird.

Gemeinsame Abende, bei denen der Jahresvorrat an Nüssen geknackt wird.

In den letzten Tagen wurde die Empfehlung ausgegeben, einen Mundschutz zu tragen, um sich und andere vor Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen. Da es jedoch nicht genügend industriell gefertigte Mundschutze gibt, konnte man an verschiedenen Stellen die Einladung lesen, sich selbst einen Mundschutz aus vorhandenen Materialien zu fertigen. Das ist meiner Beobachtung nach etwas völlig Neues. Politiker und etablierte Medien, wie Tagesschau, Süddeutsche und Zeit, fordern Menschen auf, Dinge selbst zu machen, statt sich allein auf die Versorgung durch globalisierte Produktionsprozesse zu verlassen.

Für mich als Permakulturgestaltende ist es hingegen eine sehr gewohnte Herangehensweise. Ich bin es gewohnt zu schauen, wie wir als Familie mit dem was gerade da ist, für das sorgen können, was wir brauchen. Der Antrieb dafür speist sich freilich nicht aus einem Agieren im Krisenmodus, sondern aus der Freude die ich empfinde, wenn ich merke, ich kann für meine Bedürfnisse sorgen. Dies gelingt mir mit meinem eigenen Können, mit den Gaben der Erde an meinem Lebensort und besonders durch fruchtbare Beziehungen zu anderen. Diese Art, mit dem Leben in Beziehung zu sein, beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer als „Daseinsmächtigkeit“. Diese ermöglicht mir, mich ein paar Schritte aus meiner Rolle als belieferungsbedürftige Konsumentin herauszubewegen und mich mit mir und mit meinem unmittelbaren Lebensumfeld auf erfüllende Weise zu verbinden.

So empfinde ich Freude an den kleinen stimmigen Kreisläufen, die ich über die letzten Jahre gestaltet habe und die nun einfach weiter bestehen – auch in Krisenphasen. Um es ein wenig greifbarer zu machen und euch zu inspirieren, möchte ich euch von einigen dieser kleinen und eigentlich so selbstverständlichen Dingen des Alltags berichten. Dabei lege ich bewusst den Schwerpunkt auf ganz praktische und konkrete Beispiele, die helfen, das eigene Leben unter permakulturellen Perspektiven zu betrachten. Ich lebe in einem größeren Dorf, von daher beleuchten meine Beispiele eher die Möglichkeiten im ländlich-kleinstädtischen Umfeld und nicht die in der Großstadt.

Abhängigkeiten bewusst gestalten

Die jetzige Zeit zeigt deutlicher auf als sonst, dass die vermeintliche Unabhängigkeit, die wir haben, indem wir uns jederzeit am globalisierten Markt das kaufen können, was wir gerade glauben zu brauchen, eine Illusion ist. Wir sind genauso abhängig von anderen, nur mit dem Unterschied, dass wir die Beziehung zu diesen anderen nur sehr eingeschränkt mitgestalten können. Deshalb sollten wir zunächst anerkennen, dass wir auf ein Netz an Beziehungen angewiesen sind, um für unsere materiellen und sozialen Bedürfnisse zu sorgen. Da Permakultur lehrt, den Blick auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Bestandteilen eines Ganzen zu legen, lädt sie uns auch ein, Beziehungen bewusst zu knüpfen. Ich kann entscheiden, mit welcher Art Beziehungsnetz ich für mich und meine Bedürfnisse sorge.

Konkret sind folgende unterstützende Beziehungen in den letzten Jahren an meinem Lebensort gewachsen: Wir haben teil an der solidarischen Landwirtschaft im Nachbarort, die uns mit Gemüse versorgt, und die Möglichkeit bietet, Getreide und gelegentlich Fleisch zu erstehen. Der befreundete Käser, der die Milch einer weiteren Hofgemeinschaft zu mindestens zehn verschiedenen Käsesorten verarbeitet. Die Sorten reichen von Frischkäse, über Mozzarella, Scamorza, Hartkäse bis hin zum deftigen Blauschimmelkäse. Eine weitere wechselseitig bereichernde Beziehung, ist das griechische Agroforstprojekt, bei dem wir mit 30 weiteren Menschen leckerste getrocknete Feigen bestellt haben. Nebenbei fördern wir dadurch sowohl die Wiederbegrünung des Mittelmeerraums, als auch Menschen im krisengebeutelten Griechenland, indem wir ihnen zu sinnvoller Arbeit verhelfen. Oder das Olivenöl, das wir seit Jahren von einem über Ecken befreundeten Hof aus Italien beziehen.

Zusätzlich gehe ich gern eine dauerhafte Geschäftsbeziehung mit einer Bekleidungsfirma ein, die mir auf Nachfrage ein Stück des Stoffes schickt, aus dem meine Jacke einige Jahre zuvor genäht wurde. Mit diesem Stück Stoff konnte ich die durchgewetzten Stellen an meiner Jacke auf eine Weise reparieren, dass Freundinnen sagen: Man sieht gar nicht, dass es repariert wurde, es sieht vielmehr so aus, als ob es von Anfang an so gedacht war.

Wer braucht was? Von Bedürfnissen und Pufferzonen

Die Art und Weise, wie ich meinen Gemüse- und Beerengarten bewirtschafte, hat sich in den letzten Jahren immer feiner auf unsere Bedürfnisse und Ressourcen abgestimmt. So habe ich, als wir die Gemüse-SoLaWi mitgründeten, meine private Anbaufläche für einjähriges Gemüse wieder verkleinert.Aus dem Beet in der Mitte wurde ein Beet mit mehrjährigen essbaren Stauden. In der Mitte deswegen, weil es in einem Staudenbeet am lästigsten ist, wenn da immer wieder Quecke oder Giersch hineinwachsen. So habe ich die darum platzierten Beete für Einjähriges als Pufferzone. Das Mittelbeet bedient unsere Versorgungslücke im März und Anfang April, wenn der ganze Feldsalat,Wintersalat und im Haus getriebene Chicoree gegessen sind. Auch ist dies der Zeitpunkt wenn Grünkohl und Palmkohl so langsam in die Blüte gehen, holzig werden und dann nicht mehr so schmackhaft sind. In dieser Zeit stehen dann auf dem Beet in der Mitte zur Ernte bereit: die frischen oder überwinterten Triebe verschiedener mehrjähriger Kohlsorten (Helgoländer Wildkohl, sibirischer Kohl, ewiger Kohl und der schmackhafteste, der Meerkohl, beginnt gerade zu treiben), die frischen Triebe der Winterheckenzwiebeln, die Blätter von Gemüseampfer und Schlangenknöterich, die Schösslinge der Taglilien, mehrjähriger Lauch, die ersten Blätter der Süßdolde und noch einiges mehr.

Vom Abfall zur Ressource

Da wir das Holz für unsere Heizung selbst machen, fallen viele Sägespäne und kleinere Holz- und Rindenstücke an. Das Permakulturprinzip nach Holmgren „Produziere keinen Müll“ fragt, wie dieser (ungenutzte) Abfall wieder zur Ressource werden kann. Bei uns wie folgt: Um die Beetflächen in meinem Garten vor dem Hineinwachsen der Quecke und des Gierschs zu schützen, habe ich mir angewöhnt, einen spatenbreiten und -tiefen Graben entlang der Grenze zwischen Beet und Wiese auszuheben. Diesen fülle ich mit den im Überfluss vorhandenen gröberen Sägespänen und Rindenstücken. Quecke und Giersch, die dann dort trotzdem hineinwachsen, kann ich leicht herausziehen. Nach ein paar Jahren ist das Holz verrottet und kommt entweder ins Beet oder unter Sträucher. Dort bereichert es den Boden mit ligninreichem, strukturgebenden Material, das nötig ist, um humusreiche Erde zu bilden. Sägespäne nutzen wir auch als Einstreu in unserem Biomüll-Eimer in der Küche, der dann auf dem Kompost landet. Bei einem weiteren Versuch das Abfallprodukt Sägespäne sinnvoll zu nutzen, habe ich schon eingeweichte und zum Teil mit Urin angereicherte Späne einfach so auf einem Haufen vorkompostiert und als dann unter Sträuchern und Stauden ausgebracht.

Auch andere Abfälle können, wenn Bedarf besteht, wieder zur Ressource werden. Die beim Schnitt der Johannisbeersträucher anfallenden Ruten wachsen als Stecklinge wieder zu neuen Sträuchern heran und werden in ein paar Jahren für noch mehr Beerenfülle sorgen, sowie unsere Müslis, Kuchen und Brotaufstriche bereichern.

Mit dem arbeiten, was da ist

Mich begleitet als Permakulturdesignerin die Leitfrage : Wie kann ich das Vorhandene nutzen, für das, was ich machen möchte? Und da braucht es auch ein bisschen Phantasie, sich andere als die üblichen Nutzungsmöglichkeiten vorzustellen.

Während ich dies tippe, steht vor mir auf dem Fensterbrett ein kleines Anzuchtgewächshaus für die Paprikasämlinge. Dieses ist aus einer ausgedienten Auflaufform entstanden. Ein paar gebogene und mit Draht verbundene Zweige bilden das „Gestänge“ und eine Plastiktüte, die mal als Verpackung in unseren Haushalt kam, bildet die transparente Hülle. Für meine kleine Wurmfarm, die mich mit Anzuchterde versorgt, habe ich eine alte Badewanne gefunden. Die beim Abriss des Nachbarhauses angefallenen Dielenbretter dienen als Beetbegrenzungen im Garten. Die ausrangierten Fenster finden eine neue Aufgabe als Frühbeetkasten. Der benötigte Zaun, um unsere Sitzecke von der Straße abzugrenzen, entstand nun schon zum zweiten Mal aus den Haselruten der Haselsträucher der Umgebung.

Alles hat seine Zeit - Prozesse im Jahresverlauf

Meine Nachbarin hält Hühner und neben gelegentlichen Eiergaben profitiere ich auch noch auf andere Weise davon. Jedes Frühjahr hole ich einige Schubkarren des Mists zu mir und setze einen Kompost mit diversen Zuschlagstoffen wie Asche, Gesteinsmehl und ähnlichem auf. Darauf pflanze ich Mitte Mai die Kürbisse. Im Herbst siebe ich den durchgerotteten und durch den Bewuchs mit Kürbis nährstoffreduzierten Kompost durch und stelle ihn in die Scheune. Ab Januar mische ich den Kompost mit einem Teil Gartenerde und etwas Sand, um so meine Anzuchterde für die neue Gartensaison zu erhalten. Diese Art von in sich stimmigen Abläufen erfüllen mich mit tiefster Befriedigung und schenken mir Orientierung, was es wann im Jahr zu tun gibt.

Dankbarkeit für die Geschichten hinter den Dingen

Mich bewegt es, wenn ich die Geschichte kenne, die in den Dingen verkörpert ist, von denen und mit denen ich lebe. Ich freue mich, wenn ich an Prozessen teilhaben kann, die in die Jahreszeiten eingebettet sind. So erfüllt mich ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit , wenn ich wieder einen der Papiersäcke öffne, in denen wir den im Herbst gesammelten Jahresbedarf an Nüssen für unsere dreiköpfige Familie lagern (40kg ungeknackt). Die Verarbeitung und der Genuss der Nüsse sind zu einem selbstverständlichen Teil unserer familiären Koch- und Esskultur geworden. So hat es sich bei uns eingebürgert, dass wir uns des Abends zu dritt in der Küche treffen, um gemeinsam unser Abendessen zu bereiten. Einer kocht, eine schnippelt und räumt die Küche auf, die dritte knackt Nüsse – und dabei unterhalten wir uns über die Ereignisse des Tages. Die Nüsse wiederum bereichern so manche Gemüsepfanne oder das kürzlich gebackene Bärlauchbrot, das damit die Qualitäten des Herbstes und des Frühlings in sich aufs Köstlichste vereint.

Rückblickend auf meine nun schon über ein Jahrzehnt währende Beschäftigung mit Permakultur, als naturverbundene Gestaltungspraxis für Zukunftsfähigkeit, kann ich folgendes zusammenfassen. Permakultur lädt ein, die Möglichkeiten voll auszuschöpfen, die in lokalen, auf persönlichen Beziehungen beruhenden und gemeinschaftlich bewirtschafteten Versorgungsstrukturen liegen. Nicht weil wir müssen, sondern weil es uns mit Lebensfreude, Verbundenheit und Daseinsmächtigkeit erfüllt. Nebenbei lassen sich so auch verschiedenste Krisen besser bewältigen.

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