Konsequent nachhaltige Realwirtschaft betreiben

Einblicke in eine entstehende Permakultur-Gärtnerei


zukünftig Laden mit kleinem Café

Eingangsbereich der bestehenden Gärtnerei, zukünftig Laden mit kleinem Café

Blick vom Mammutbaum

Blick vom Mammutbaum aus in die entstehende Permakultur-Gärtnerei

Pizzaofen aus Lehm

Pizzaofen aus Lehm, der bei einer Praktikums-Woche gebaut wurde

Ein riesiger Mammutbaum, alte knorrige Eichen, eine Zedern-Sorte von der es weltweit nur zwei Exemplare gibt, beeindruckende Dickichte aus meterhohem Bambus und insgesamt über 8.000 verschiedene Pflanzenarten. Die bestehenden Strukturen auf dem Betriebsgelände der Gärtnerei Simon in Marktheidenfeld sind schon sehr beeindruckend. Das kleine Städtchen zwischen Würzburg und Aschaffenburg war lange auch für die Versuchs- und Raritäten-Gärtnerei der Familie Simon bekannt, die sich vor allem auf die Produktion von Stauden spezialisiert hatte. Als uns die Eigentümer eher nebenbei erzählten, dass sie bald rentenbedingt den Betrieb abgeben wollen, fing es in unseren Köpfen an zu rattern. Das ist nun ziemlich genau ein Jahr her und es ist viel passiert seitdem: Konzepte wurden erstellt und wieder verworfen, Preise wurden ausgehandelt und wieder verworfen, Übergangsregelungen wurden abgeklärt und wieder verworfen. Doch schrittweise näherten wir uns einer Lösung an, die für alle Beteiligten ein echter Gewinn ist. Nun stehen wir drei Monate vor der Eröffnung unserer neuen Gärtnerei und können stolz sagen: Das wird eine verdammt coole Sache!

Coole Sache Nummer 1: Die Betriebsstruktur

"Kooperation statt Konkurrenz" und "Synergien schaffen" waren die leitenden Sätze bei den Überlegungen zur Betriebsstruktur. Das ideale Wunschbild sah anfangs folgendermaßen aus: Möglichst viele Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen finden sich zusammen und nutzen das Gelände gemeinsam. Dabei entstehen viele Vernetzungen, Kooperationen, Ergänzungen und Synergieeffekte. Durch eine klare Struktur, detailierte Aufgaben- und Bereichs-Verteilung und ein richtungsweisendes Grundkonzept wird gewährleistet, dass alle in die gleiche Richtung arbeiten, sich niemand in die Quere kommt und Eigenverantwortung, Kreativität, Spontanität und freie Entfaltungsmöglichkeiten erhalten bleiben. Die aktuelle Betriebsstruktur ist erstaunlich nahe dran an dem ursprünglichen Idealbild :-)

Als Grundlage haben wir eine GmbH & Co. KG gegründet, die das Gelände und den bestehenden Betrieb kaufen wird und über die Haftungsbeschränkung ein gewisses Maß an Sicherheit bietet. Desweiteren haben viele Mitmachende noch ihr eigenes Kleingewerbe, über das sie umsatzsteuerfrei und unkompliziert selbst Rechnungen stellen können. Zu guter Letzt gründen wir aktuell noch einen gemeinnützigen Verein, der das Nutzungspotenzial vollends abrundet. So ist zukünftig eigentlich jede Art der Mitwirkung oder auch Anstellung bei dem Projekt möglich, was allen vielschichtigen Bedürfnissen der unterschiedlichen Menschen gerecht wird.

Coole Sache Nummer 2: Der Bestand

Wie schon erwähnt, übernehmen wir auch den sehr tollen Bestand. Einzige Herausforderung hierbei ist der viele Plastikmüll, der sich noch überall versteckt hält. Alte Pflanztöpfe, halb vergraben und eingewachsen, Folienfetzen quer im Wald verstreut und Krimskrams, der an jeder Ecke steht. Da kommt man gelegentlich schon mal ins Fluchen über das Plastikzeitalter.

Andererseits ist da auch die jetzt schon unglaublich artenreiche Pflanzenvielfalt.

Eine der Grundideen von Permakultur-Landwirtschaft ist ja, durch ein möglichst artenreiches Ökosystem jeglichen Pflanzenschutz überflüssig zu machen, da sich alles selbst reguliert. Dieser Zustand ist in der Gärtnerei bereits erreicht, was eine sehr komfortable Ausgangslage ist. Meist muss man sich ja damit abfinden, dass die frisch gepflanzten Grundstrukturen erstmal gut zehn Jahre brauchen, bis sich daraus ein stabiles Ökosystem entwickelt.

Zudem übernehmen wir auch zwei große Gewächshäuser, allerlei Geräte und Werkzeuge, Baureste, Steine, Erde usw., eben eine gesamte Gärtnerei. Zugegeben alles in einem etwas mitgenommenen Zustand, aber dennoch eine angenehme Grundlage, die weitestgehend gut zu reparieren ist.

Coole Sache Nummer 3: Wirtschaften mit Permakultur

Von Anfang an war klar, es soll ein echter Permakultur-Betrieb werden; ein nachhaltig sinnvolles und sich gegenseitig ergänzendes Miteinander zwischen Natur, Menschen und Wirtschaftlichkeit.

Schnell kam die Frage nach einem Gütesiegel auf. Da die bestehenden Biosiegel uns zum einen nicht annähernd weit genug gehen, zum anderen teils sinnvolle Dinge unmöglich machen, brauchten wir eine andere Lösung. Was ist also die Funktion eines Gütesiegels und wie kann man diese Funktion anders abdecken? Ein Siegel soll durch klare Regelungen und die Kontrolle der Einhaltung dieser, das nicht vorhandene Vertrauen der Verbraucher zu den industriell hergestellten Produkten halbwegs wieder herstellen. Es geht also eigentlich nur darum, dass unsere Kunden uns glauben beziehungsweise prüfen können, ob wir die Produkte auch entsprechend herstellen. Daher haben wir uns anstelle eines Prüfsiegels für die Schaffung von Vertrauen entschieden. Auf unserer Homepage sind die ethischen Werte und unsere eigenen Anbaurichtlinien klar kommuniziert. Zudem besteht die Möglichkeit, jederzeit unangemeldet vorbei zu kommen und den Produktionsbetrieb selbst in Augenschein zu nehmen.

Coole Sache Nummer 4: Das Team und der Verein

Das ganze Projekt lebt natürlich vor allem von den Menschen, die mitmachen. Es ist sehr schön zu sehen, wie bunt und vielseitig begabt das aktuelle Team bereits ist und wie dadurch nach und nach immer mehr Ergänzungen und Verknüpfungspunkte entstehen.

Mit einem solidarischen Konzept unterschiedlicher Abonnements wollten wir möglichst viele Leute an dem Projekt teilhaben lassen und die Anfangsinvestitionen geringhalten. Gut daran: Es hätte super funktioniert und uns den Start extrem erleichtert. Schlecht daran: Es funktioniert in der Realität nicht, da die Nutzungsmöglichkeiten zu komplex sind, um von potenziellen Abonnenten auf die Schnelle erfasst werden zu können. Daher arbeiten wir momentan an einer abgespeckten und überschaubareren Variante dieser Idee. Über den gemeinnützigen Verein gibt es dann die Möglichkeit, Fördermitglied zu werden und im Gegenzug kostenfrei ein gewisses Leistungspaket nutzen zu können.

Die Anbaurichtlinien, die noch nicht aktualisierte Idee der Abonnements und viele weitere Details können bereits auf unserer Homepage angeschaut werden. Guckt gerne mal rein!


Bereits erschienen im Permakultur Magazin, Ausgabe 2019 für Vereinsmitglieder. Hier kannst du Mitglied werden und dem Permakultur Institut e.V. beitreten. Die Erlebnis-Gärtnerei Marktheidenfeld ist ein Praxisort für Permakultur und hat eine eigene Webseite.

 

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