Experimente Nachhaltigen Reisens

Im Herbst 2016 las ich, dass das Nordic Permaculture Festival 2017 auf Island stattfinden würde. Das gab mir den Nachhaltigkeits-Lern-Anlass, um diese bereits lang erwägte Reise sinnvoll finden zu können. Gesine hatte Lust, mitzukommen. Also beantragten wir über das Permakultur Institut eine EU-Förderung für Bildungsreisen. Durch Petra Krubecks großartige Verwaltung dieser Mittel war das recht einfach und als Gegenleistung fürs Institut nahmen wir uns vor, auf Island ordentlich zu netzwerken, bei den Vorbereitungen des Festivals zu helfen und hinterher diesen Artikel zu schreiben, um die permakultur-relevanten Erfahrungen unserer Reise zu teilen.


Traditioneller Torfhof

Traditioneller Torfhof im Skaftafell-Nationalpark, dahinter eine Schwemmebene der Gletscherflüsse bis hin zum Meer.

Engelwurzpflanze

Über zwei Meter große Engelwurz-Pflanzen - auf Island wird Marmelade daraus gemacht

Kohlpflanzen in Hügelbeete

Auf der SoLaWi in den Westfjorden haben wir Mitte Juli Kohlpflanzen in die Hügelbeete gepflanzt

ein öffentlicher Strand, beheizt mit Abwasser

Energie im Überfluss: ein öffentlicher Strand wird mit dem Abwasser der Erdwärme-Heizungsanlagen beheizt

Aspekte (nicht so) nachhaltigen Lebens auf Island

An verschiedensten Punkten unserer Reise konnten wir beobachten, wie Menschen heute versuchen, nachhaltig zu leben, und wie (mehr oder weniger) nachhaltig frühere Kulturtechniken waren.

Ab dem achten Jahrhundert nach Christus bewohnten irische Mönche die Insel Island während der Sommermonate. Rund 100 Jahre später siedelten sich Wikingern aus Norwegen an. Es ist bis heute das am dünnsten besiedelte Land Europas. Vor der Besiedelung war mindestens ein Viertel der Fläche bewaldet. Abholzung und eingeführte Weidetiere haben den Wald schnell auf ein Prozent der Fläche Islands dezimiert. Nachdem die Wälder abgeholzt waren, bauten die Isländer bis Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem sogenannte Turf-Houses (Torfhöfe). Das sind Häuser gebaut aus Stein, wenig Holz, Baumrinde und Grasnarbe. Sie sind gegen den Wind so in die Hügel der Landschaft eingefügt worden, dass sie Tolkien zu seinen Hobbit-Höhlen inspirierten. Apropos Inspiration: Die Gründächer der Torfhöfe wurden entweder mit Birkenrinde oder großen flachen Steinplatten gegen Regen abgedichtet. Auf dieser wasserdichten Schicht, die zwischen dem Gebälk und der Grasnarbe lag, floss eindringendes Wasser zu den Seiten ab.

Wegen der schwierigen natürlichen Gegebenheiten sind Isländer Meister der Anpassung: sie nutzen die Erdwärme und die Asche von Vulkanausbrüchen; wo immer möglich bauten sie mit Treibholz; Farmen versunken allmählich im Sand, den ein Fluss einspülte, also verlegten die Bauern ihre Höfe weiter landaufwärts.

Seit 50 bis 150 Jahren laufen überall auf der Insel kommunale und staatliche Aufforstungsprojekte. Dabei wurden verschiedene Baumarten ausprobiert: Schneller als die heimischen Bäume wie Birken, Weiden und Pappeln, es gibt keine heimischen Nadelbäume, fassen aus Alaska und Sibirien eingeführte Arten in der unwirtlichen Umgebung Fuß. Trotzdem wächst alles langsam. Immer wieder wurde uns der Witz erzählt:

“Was machst du, wenn du dich in einem isländischen Wald verirrt hast? Dich hinstellen.”

Wegen dieser Herausforderungen werden Wälder und die sehr langsam wachsenden Moospolster und Wiesen durch zahlreiche Umweltschutzmaßnahmen vor Erosion geschützt, besonders an touristisch frequentierten Orten.

Nachdem Island sich jahrhundertelang größtenteils selbst versorgt hat, wird regionale Ernährung heutzutage kaum realisiert, da die landwirtschaftlichen Bedingungen nicht konkurrenzfähig sind. Die wichtigste Einkommensquelle ist die Fischerei, deren Produkte vor allem exportiert werden. Der größte Teil der Landwirtschaft besteht aus extensiven Schafweiden, nur ein Prozent der Fläche wird für den Anbau genutzt. In signifikanten Mengen wachsen hier Kartoffeln, Kohlrüben und Rhabarber im Freiland, sowie Gurken, Paprika und Tomaten in Gewächshäusern, die mit austretender Erdwärme beheizt werden. In den wenigen privaten Gärten wachsen Kartoffeln und riesiger Rhabarber fast wie von alleine. Daneben wachsen viele Wildkräuter in erstaunlicher Größe: Engelwurz wächst menschenhoch, es gibt gigantischen Löwenzahn, Unmengen an Kerbel und Mädesüß und scheinbar keine stark giftigen Pflanzen auf der ganzen Insel. Die meisten einjährigen Gemüse sind in der kurzen Anbausaison recht schwer zu ziehen und Obst fast unmöglich. Das gelingt nur in kleineren Maßstäben und in den beheizten Gewächshäusern, in denen auch hin und wieder Wein und Bananen als Touristenattraktion angebaut werden. Die heißen Quellen für das traditionelle Kochen und Backen werden ebenfalls nur noch als Attraktion genutzt.

Doch zum Heizen und zur Stromproduktion wird die Erdwärme intensiv genutzt. Die Stromversorgung Islands ist zu beinahe 100 Prozent regenerativ und stammt hauptsächlich aus Wasserkraft und Erdwärme. Die Hälfte des gesamten Stroms verbraucht dagegen ein Aluminium-Werk, für das sogar ein Stausee mit Wasserkraftwerk gebaut wurde. Die Aluminium-Herstellung ist sehr umweltschädlich und bringt dem Land neben einigen Arbeitsplätzen kaum Gewinn. Nach der Wirtschaftskrise 2008 ist die Wirtschaft heute, neben Fischfang, hauptsächlich auf Tourismus aufgebaut. Viele Einheimische sehen dies als nicht sehr resilient an. Wichtige politische Themen in Gesprächen sind seit der Krise die hohen Lebenshaltungskosten und die Korruption der Regierung. Die angestrebte Neuschreibung der Verfassung durch die Bürgerschaft kam wegen des Widerstands der konservativen Kräfte nicht zustande.

Allein der Versuch erzählt aber von einer sehr progressiven politischen Kultur, die schon immer auf Island herrschte: Die ersten Siedler flohen vor der Unterdrückung durch die norwegische Monarchie. Über die Besiedelungszeit wurden viele Sagas verfasst, die im Unterschied zur frühmittelalterlichen Literatur in Europa sehr lebensecht von den Schwierigkeiten der Gesellschaft erzählten. Frauen sind darin oft wichtige handelnde Personen und die Geschichten wurden wohl hauptsächlich von ihnen verfasst. Viele Frauen wurden von den britischen Inseln „mitgebracht“ und einige wurden, etwa durch den Tod ihrer Männer, selbst zu Besitzerinnen von Höfen und wichtigen Gestalterinnen von Gemeinwesen.

Mit dem Althing in Thingvellir wurde um das Jahr 1000 das erste europäische Parlament gegründet. Vom 14. Jahrhundert bis 1944 war Island immer wieder der norwegischen oder der dänischen Krone unterworfen. Im Zuge der Ablösung wurde dann vergleichsweise früh das Frauenwahlrecht eingeführt. 1980 wählte Island die erste weibliche Präsidentin der modernen Welt. Seit 2009 gibt es hier auch die erste offen homosexuelle Präsidentschaft der Welt und seit 2010 ist die gleichgeschlechtliche Ehe rechtlich verankert.

Island unterhält kein eigenes Militär, Polizisten tragen keine Waffen (bis auf eine Spezialeinheit), Streifenwagen sind nur in der Tourismus-Hochsaison zu sehen – weil Touristen ab und zu gefährlich gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Die Kriminalität ist gering. Ich vermute, es liegt daran, weil viele Einwohner*innen nah verwandt sind, sich kennen und es kaum urbane Gebiete mit großer Ungleichheit gibt. Die Menschen, die wir getroffen haben, waren klug, herzlich und gastfreundlich und haben uns gerne weitergeholfen.

Wenig nachhaltig ist die Fortbewegung auf der Insel, die oft mit großen Geländewagen stattfindet. Sie sind auf den wenigen Straßen und dem extremen Klima zwar nützlich, ihre Zahl und Größe scheint jedoch übertrieben. Daneben nutzen die Isländer private Schnellboote, um Fjorde zu überqueren und Kleinflugzeuge fliegen alle größeren Orte an. Die Überlandbusse scheinen wenig ausgelastet zu sein.

Die Vorbereitung auf Krisen-Szenarien spielt im öffentlichen Leben eine große Rolle. Vulkanausbrüche, Erdbeben und die Abgeschiedenheit der meisten Orte lassen die Menschen bewusst vorsorgen. Die freiwilligen Rettungskräfte sind gut ausgebildet und werden allerorten gewürdigt.

Auf Island ist es überall spürbar, dass die Natur größer ist, als wir selbst.

Deshalb nehmen seine Bewohner*innen, das Leben und sich selbst auch nicht allzu ernst. Sie wissen, dass Veränderung allgegenwärtig ist und es nach Katastrophen irgendwie weitergeht. Die Inselbewohner*innen verwenden häufig das Sprichwort „þetta reddast“, zu deutsch: „Es rettet sich schon.“ Ein starkes Erdbeben 2008 in Hveragerdi gab übrigens Anlass, in einem Einkaufscenter eine ständig geöffnete Ausstellung mit Erdbebensimulator einzurichten, um Tourismus anzuziehen.

Nicht immer geht es so glimpflich aus: Der Ausbruch des Vulkans Laki im Jahr 1783, bewirkte monatelange Ascheregen, schwefelhaltige Luft, starke Verdunkelung und einen extremen Winter. Ein Fünftel der isländischen Bevölkerung starb. Die Aschefälle und die klimatischen Auswirkungen betrafen auch Westeuropa und Nordafrika. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die entstehende Hungersnot die Französische Revolution mit ausgelöst hat. So etwas kann prinzipiell wieder passieren. Heute würden größere Teile der Weltwirtschaft zusammenbrechen, weil neben der Landwirtschaft der Flugverkehr und vermutlich das Internet stellenweise zum Erliegen kämen. Wir können also über jeden Tag dankbar sein, an dem nicht ein Vulkanausbruch die Ernten vernichtet.

Ideen für nachhaltiges Reisen

Aus den Erfahrungen unserer letzten Reisen haben wir versucht, Aspekte nachhaltigen Reisens zu verallgemeinern, die uns wichtig erscheinen – und dazu jeweils Beispiele notiert, wie wir sie dieses Mal umgesetzt haben:

Von anderen Kulturen lernen

Um den Menschen nicht nur als Konsument zu begegnen, sind wir getrampt, haben uns unterwegs mit den Leuten unterhalten, ihnen ab und zu bei ihrer Arbeit oder Alltagsproblemen geholfen, von ihnen gelernt und unsere Erfahrungen mit ihnen geteilt.

Umweltfreundliche Mobilität

Wir wollten nicht nach Island fliegen: Die einzige Möglichkeit dafür (außer auf privaten Booten anzuheuern), ist die Fähre. Sie fährt einmal in der Woche von Dänemark ab und ist zwei Tage unterwegs. Da sie leider ungefähr 2,5 Kilogramm Schweröl verbrannt hat, um uns beide zu befördern und dabei sicher eine Menge Tiere im Meer gestört und getötet hat, spendeten wir ein Fünftel der Reisekosten an Aufforstungs- und Meeresschutz-Projekte, auch wenn wir uns bewusst sind, dass das keine wirklich nachhaltige Verhaltensweise ist. Schiffsreisen möchten wir also nicht wieder machen, sondern eher auf Segelbooten mitfahren. Rund um die Insel sind wir vor allem getrampt und gewandert.

Nachhaltiger Konsum

Da die Abfalltonnen der Supermärkte auch auf Island mit noch essbarem Obst, Gemüse, Käse – und manchmal auch Kuchen - gefüllt sind, haben wir uns vor allem von containerten sowie von mitgebrachten Lebensmitteln und Nahrung aus der Natur ernährt. Um nicht so viel weitgereiste Nahrungsmittel in Plastikverpackungen kaufen zu müssen, hatten wir bereits zu Hause Trockennahrung hergestellt: in der Sonne getrocknetes Obst und Gemüse und selbst geknackte Walnüsse. Getrocknet haben wir auch Linsensprossen, um Kochenergie zu sparen. Außerdem haben wir Getreideschrot aus der Region mitgenommen. Vor Ort haben wir zuhauf Wildkräuter und Beeren gesammelt und uns einige essbare Algen zeigen lassen. Das einzige Souvenir, das wir gekauft haben, ist ein Chutney aus regionalen Zutaten. In der Tonne einer Woll-Manufaktur haben wir einen wunderschönen Wollstoff gefunden. Da synthetische Outdoor-Kleidung aus Erdöl hergestellt werden, das Grund für viele Kriege ist, haben wir vermieden, solche neu kaufen.

Abfallvermeidung

Synthetische Stoffe geben beim Waschen giftige Partikel in die Gewässer ab, Merino- und Baumwolle kommen vom anderen Ende der Welt. Aber es gibt ja schon mehr als genug davon, die wir gebraucht benutzen können: Alsohaben wir uns Zelt und Regenjacken von Freunden ausgeliehen, meine Arbeitshosen von der Post benutzt und eine Wanderhose gebraucht gekauft. Gesine hat sich ein regional produziertes Shirt aus Bio-Schurwolle gekauft, ansonsten hatten wir Oberteile aus Umsonstecken und gefundene Woll-Pullis dabei – die übrigens, anders als Plastikkleidung, bei Kälte wärmen, bei Hitze kühlen, Schmutz abweisen und Gerüche abbauen. Unsere alten zerlöcherten Wanderschuhe liessen wir vom Schuster flicken. Reiseführer haben wir von Freunden ausgeliehen und lokale Karten so gut es ging aufgehoben, um sie an andere weiterzugeben. Zum Kochen benutzen wir unterwegs einen kleinen Holzkocher, weil dafür keine in Aluminium verpackte, fossilen Brennstoffe nötig sind. Da auf Island Holzfeuer meistens verboten sind, haben wir einen Gaskocher mit den halbleeren Kartuschen betrieben, die Leute auf Campingplätzen stehen lassen, weil sie sie nicht im Flugzeug mitnehmen dürfen. Essen haben wir in Brotbüchsen und wiederverwendeten Tüten verpackt. Statt aufs Spülklo sind wir, wann immer möglich, lieber draußen in die Büsche gegangen, um unseren Dünger da zu lassen und kein Wasser zu verschmutzen. Unsere Haare und Haut können sich selbst reinigen, seit wir sie von der Abhängigkeit von künstlichen Pflegeprodukten entwöhnt haben, wir brauchten also nur Kernseife und biologische Salben mitnehmen. Und wir haben gelernt, dass Kleidung sehr lange sauber bleiben kann, wenn man sich Mühe gibt. Unser Rekord: 14 Tage und Nächte im gleichen Shirt und 34 Tage in der gleichen Hose.

Energiesparende Unterhaltung

Unterhaltungsangebote, die fossile Brennstoffe oder große Mengen Strom verbrauchen und die unmittelbare Umwelt zerstören, wie Quad- oder Jetski-Fahren, Hubschrauber-Fliegen und Vergnügungsparks fallen für uns aus.

Stattdessen sind wir gewandert, haben Ausblicke genossen, in natürlichen heißen Quellen und im Meer gebadet, in Wasserfällen geduscht, Vögel und Fische beobachtet, uns mit Schafen unterhalten und die Energie der Landschaft genossen.

Praktische Unterstützung

Beim Trampen haben wir einem Straßenarbeiter geholfen, Steine von der Straße zu räumen und in einer veganen Kneipe haben wir ein Tür-Rollo repariert und dafür ein Bier spendiert bekommen. Beim Permakultur-Kurs und -Festival haben wir das Kochen und Einkaufen übernommen. Danach sind wir zur ersten Solidarischen Landwirtschaft Islands, Groandi, gereist und haben dort geholfen, Beete anzulegen und vorgezogene Gemüsepflänzchen zu setzen. Hildur, die Gärtnerin und Projektmanagerin, die auch noch einen Vollzeitjob hat, konnten wir beim Beschäftigen ihrer vier Kinder helfen und ihr den Tipp geben, dass das „invasive Unkraut“, das ihre Beete überwuchert, Wilder Kerbel heißt, ein tolles Würzkraut ist und sehr leckere, süße Wurzeln hat. Kurz vor Ende unserer Reise wurden wir von zwei Touristinnen im Auto mitgenommen, die überlegten, ihr Auto abzugeben, zu trampen und wild zu campen. Also haben wir sie darin bestärkt, ihnen praktische Tipps mitgegeben und das Containern beigebracht.

Naturverbindung

Wir haben fast immer draußen übernachtet und so oft wie möglich abseits von Campingplätzen. Unser Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen haben wir aus den überall kristallklaren Bergbächen geholt. Dafür sind wir jeden Tag aufmerksam durch die Landschaft gegangen, um Wasser, Essen und geeignete Plätze zu finden. Bei dieser Art des täglichen Lebens ist unser Vertrauen jeden Tag gewachsen, dass Mutter Natur uns willkommen heißt und gut versorgt.

Wir haben unseren Aufenthalt sehr genossen und zehren noch immer von den wärmenden und das Herz öffnenden Eindrücken der unfassbar großen Natur. Wir können allen, die bereit dafür sind, sich auf nachhaltige Weise nach Island zu begeben, empfehlen, sich von der mannigfaltigen Natur verzaubern zu lassen. Allen, die das nicht wollen, können wir aus vollem Herzen sagen: Hier ist es auch wunderschön - Es gibt überall große alte Bäume und warme Sommer.

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