Der Hühnerhund

Freiland-Hühnerhaltung mit vierbeinigem Habichtschutz - ein Erfahrungsbericht


Johannes Sehl - Altsteirer Hühner - Hühnerhund

Johannes mit den Altsteirer Hühnern und den beiden Hühnerhunden

Hühnerhund - Altsteirer Hühner

Zutrauliches Verhältnis zwischen Hühnerhund Tilia und ihren Schutzbefohlenen.

Seit 2014 halten wir Altsteirer Hühner. Es war, im Vergleich zu heute, eine noch andere Situation: Im Bio-Landbau gab es keine Alternative zu den Hybrid Legehennen. Es hat sich zum Glück viel getan. Verschiedene Zuchtbestrebungen der Ökoverbände Deutschlands bieten Raum für Optimismus.
Unser Bestreben war es, dass die Hühner ohne zusätzliches Futter auskommen, um die Tiere in einen natürlichen Kreislauf zu integrieren. Sie sollten sich von dem ernähren, was sie im Gehege vorfanden. Schnell haben wir gemerkt, dass die Herde ruhiger und weniger aggressiv ist, wenn wir Futterweizen zufüttern.
Bei der Reflektion unserer Bestrebungen ist uns klargeworden, dass Vogelartige in der Natur nicht ohne andere Tiere, wie zum Beispiel Wiederkäuer, vorkommen. Dafür fehlt uns nur leider das Land. Kooperationen mit anderen Bauern erwiesen sich als schwierig bzw. nicht möglich. Vielleicht kann ein gutes Weidemanagement, in dem verschiedene Tierarten wie zum Beispiel Kühe, Schafe und Hühner aufeinander folgen, das Zufüttern der Hühner überflüssig machen. Denn so würde die Artenvielfalt und damit das Futterangebot für die Hühner gesteigert.

Herdenschutzhunde im Einsatz gegen Wilddruck

Ein ganz anderes Problem, das ich schon aus der Legehennen Freilandhaltung des Dottenfelder Hofes kannte, ist der enorme Wilddruck, speziell durch den Habicht. Wir verloren unsere Hühner fast schneller, als wir sie neu ausbrüten und aufziehen konnten. Gerade wenn sich eine neue Jahreszeit oder ein enormer Wetterumschwung anbahnte, probierte es der Habicht. In Spitzenzeiten kam er jeden Tag. Da stießen wir auf die Idee, Herdenschutzhunde zu integrieren, um die Hühner rund um die Uhr gegen alle Fressfeinde zu schützen.
Nach langem Suchen, Zuhören, und Reisen machte ich Bekanntschaft mit Jennifer Gambietz (hundetherapiezentrum-gambietz.de). Ihr regelmäßiger Umgang mit Herdenschutzhunden verschiedener „Rassen“ und deren Züchtern bewegte sie dazu, mir die Karst-Schäferhunde aus Slowenien für die Arbeit als „Hühnerhund“ zu empfehlen. Die Karst-Schäferhunde, auch Kraški ovčar genannt, sind mit einer Schulterhöhe bei Rüden von 57–63 cm und bei Hündinnen von 54–60 cm die kleinsten Vertreter der Herdenschutzhunde. Daraus lassen sich verschiedene Qualitäten ableiten, wie zum Beispiel geringerer Futterbedarf, weniger Gelenk- und Organprobleme sowie ein handlicherer Umgang im Alltag.
Auch wenn es weltweit nur circa 600 – 700 Exemplare dieser Hunde gibt, ist die Zucht der Tiere sehr gut organisiert. Um körperlichen sowie psychischen Problemen durch Inzucht vorzubeugen sind die Stammbäume vorbildlich dokumentiert und zum Teil online nachvollziehbar zum Beispiel hier die Eltern unseres jungen Rüden Pluto.
Mitte 2016 reiste ich nach Ljubljana, Slowenien, um „Oli“ (wir nennen sie Tilia) zu kaufen. Die junge Hündin ist am 29. April 2016 geboren und war zu dem Zeitpunkt des Kaufs drei Monate alt. Es hat uns sehr viel Zeit und Engagement gekostet, sie einzuarbeiten und bei Laune zu halten. Mit acht Monaten (fünf Monate Einarbeitung) konnten wir ihr vertrauen und sie unbeaufsichtigt bei den Hühnern lassen, ohne dass sie ihnen gefährlich wurde oder auch nur jagte.

Die Beziehung zwischen Hühnern und Hund

Ganz zu Anfang „spielte“ sie einen jungen Hahn zu Tode. Dennoch haben wir die Arbeit mit ihr nicht aufgegeben. Wir nahmen sie an die Leine und gingen mit ihr ins Hühnergehege. Wenn sie mit einem Huhn spielen wollte, stellten wir uns dazwischen und lenkten diese Energie auf ein Spielzeug. Es ist ihr unheimlich wichtig, dass wir, als ihr Rudel, sie mögen und akzeptieren.
Über die positive Bestärkung, beziehungsweise das Ausbleiben von Lob und Zuneigung, lernt sie schnell, wie sie sich verhalten soll. Und das, ohne die Belohnung mit „Leckerlies“. Als wichtigen Meilenstein wurde uns empfohlen, Hühner und Hund nebeneinander fressen zu lassen. Das versuchten wir regelmäßig nach dem morgendlichen Spaziergang und gelang uns das erste Mal als sie circa sechs Monate alt war. Schon vorher fütterten wir die Hühner in ihrem Beisein, um ihr zu zeigen, dass uns die Hühner besonders wichtig sind.
Am 4. November 2017 kauften wir den drei Monate alten Rüden Pluto. Bei der Auswahl wurden wir von der Züchterin unserer Hündin, Tina Zelenko aus Ljubljana, sehr herzlich unterstützt. Wichtig war es uns, dass beide Hunde genetisch weit voneinander entfernt sind, da wir Tilia decken lassen wollen. Das beugt Gebärmutterkrebs vor und ist der psychischen Gesundheit zuträglich. Voraussetzung dafür ist es, dass sie ausgewachsen, also mindestens zwei Jahre alt ist.
Ein weiterer Aspekt ist es, dass Hühner sich schwertun, eine enge Beziehung zu Hunden aufzubauen. Da Hunde Rudeltiere sind, tut es ihnen gut, zu mehreren in einer Nutztierherde zu leben. Die Einarbeitung in die Arbeit mit den Hühnern wird aller Voraussicht nach sehr viel einfacher, als mit unserem ersten Hund, da Pluto sich stark an Tilia orientiert. Natürlich war jedoch der erste Impuls von Pluto, hinter den Hühnern her laufen zu wollen. Deswegen gehen wir zunächst mit ihm nur an der Leine in das Hühnergehege. Er kann so die Hühner beobachten und sich von Tilia den richtigen Umgang mit ihnen abgucken.

Der Schutz funktioniert

Insgesamt ist das Projekt ein voller Erfolg. Diesen Herbst kam der Habicht, nach über einem Jahr Ruhe, zwar noch ein Mal und riss eine Junghenne. Ich habe ihn entdeckt und zusammen mit Tilia vertrieben, seitdem kam er nicht noch ein weiteres Mal. Der Hühnerstall ist Tag und Nacht offen. Die reine Anwesenheit des Hundes hält auch Fuchs und Marder von den Hühnern fern. Eigentlich sollten die Hunde im Stall leben. Das haben wir nicht übers Herz gebracht und den Hunden dafür eine Hundeklappe vom Wohnhaus zum Hühnergehege eingebaut, sodass sie rund um die Uhr rein und raus können. Als nächsten Schritt möchten wir gerne auf einem größeren Grundstück arbeiten um ein wirtschaftlich tragfähiges Modell zu entwickeln.

Bei Rückmeldungen, Fragen und Anregungen zu dem Thema wendet euch bitte direkt an service@permakultur.bio.

Bereits erschienen im Permakultur Magazin, Ausgabe 2018 für Vereinsmitglieder. Hier kannst du Mitglied werden und dem Permakultur Institut e. V. beitreten.

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